Eröffnungsrede Dr. Dieter Jung

Dr. Dieter Jung studierte Biochemie und Pharmakologie und promovierte am Max-Planck-Institut. Verschiedene Tätigkeiten in der pharmazeutischen Industrie und 25 Jahre Agenturerfahrung machen ihn zu einem Profi im Healthcare Bereich. Seit 2000 ist er Herausgeber des Pharma Barometer.

Eröffnungsrede zum Pharma Trend 2015

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

16 Jahre hat es gedauert, von der Idee zur Messung von Exzellenz in der Pharmazeutischen Industrie bis hin zur Auszeichnung von Innovation und Nachhaltigkeit der Pharmaunternehmen in Deutschland.

Einige von Ihnen haben die Entwicklung des Preises miterlebt: Von einer Preisverleihung der Goldenen Tablette in den Unternehmen Vorort im Jahr 2000 bis hin zur Auszeichnung im öffentlichen Raum hier im Deutschen Museum in München, erstmals 2004.

Grundlage für die Verleihung der Awards ist die Marktforschung Pharma Trend, die in diesem Jahr bei 900 Ärzten aus 10 Facharztgruppen, darunter Allgemeinärzte, Praktiker, Internisten, Diabetologen, Gynäkologen, Kardiologen, Neurologen, Urologen, Pädiater und Onkologen, bereits zum zweiten Mal wieder online von Harris Interactive durchgeführt wurde.

Die Kardiologen wurden auf Wunsch verschiedener Pharmaunternehmen in 2012 erstmals aufgenommen und in diesem Jahr erneut befragt. Spielt doch die Therapie von Herzkreislauf Erkrankungen eine entscheidende Rolle in unserem Gesundheitswesen. Der Fokus des Pharma Trend 2015 liegt damit auf jenen Facharztgruppen, die die großen Krankheitsbilder in Therapie und Prophylaxe abdecken: Herz/Kreislauf, Diabetes, ZNS, Onkologie und Infektion. So kommt den Ergebnissen ihre Relevanz für das Gesundheitswesen zu.

Pro Facharztgruppe wurden in diesem Jahr zwischen 80 und 100 Ärzte um ihre Meinung gebeten. Diese Stichprobe reicht erfahrungsgemäß für repräsentative Befunde, da sich die Ergebnisse bereits ab circa 80 Befragten stabilisieren.

Nutzenbewertung durch die Behandler

Es sind also 900 Ärzte, die neue Arzneimittel hinsichtlich Innovation und Nutzen bewerten.

Eine kleine Berechnung dazu:

Verordnet im Laufe eines Jahres ein befragter Arzt der Studie Pharma Trend ein bestimmtes Arzneimittel bei nur 20 Patienten, blicken wir mit dem Pharma Trend 2015 mit seinen 900 befragten Ärzten auf die Beurteilung von Medikamenten in der Behandlung von 18.000 Patienten. Eine Anzahl an Patienten die um ein vielfaches höher ist, als in klinischen Studien. Der Pharma Trend ist damit das Spiegelbild des Nutzens eines Arzneimittels in der Anwendung beim Patienten.

Die Arzneimittel, die die Ärzte auf die offene Frage, „was ist das innovativste Produkt“ vorschlagen, wurden in der Regel innerhalb der vergangenen 36 Monate vor dem Feldstart der Erhebung im Mai 2015 eingeführt bzw. haben eine für die Therapie bedeutende Zulassungserweiterung erhalten. Damit liefern die Ergebnisse des Pharma Trend wertvolle Information zur frühen Bewertung der Vorteile und des Nutzens eines Medikamentes aus ärztlicher Sicht. Die Ergebnisse des Pharma Trend sind damit durchaus wertvoll in der frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln. Zwar ersetzt die Marktforschung Pharma Trend keine „harten“ Daten aus klinischen Studien, doch zeigt der Pharma Trend ein frühes Bild der Vorteile und des Nutzens eines Medikamentes im Vergleich zur bisherigen Therapie aus Sicht der Anwender im Spiegel der Patienten auf.

Meiner Ansicht nach sind die Ergebnisse des Pharma Trend zur Beurteilung des Nutzens eines Arzneimittels im Vergleich zur zweckmäßigen Vergleichstherapie durchaus wertvoll und sollten in der Nutzenbewertung des G-BA zukünftig auch Berücksichtigung finden.

Sicherlich ersetzt der Pharma Trend keine klinische Studie. Klinische Studien sind notwendig und wichtig. Aber für die frühe Nutzenbewertung von Arzneimitteln im Jahr nach der Einführung sind die Ergebnisse zur Bewertung von Fortschritt und Nutzen durchaus heranzuziehen.

Pharma Trend 2015 Eröffnungsrede Dr. Dieter Jung

Innovatiosstop durch AMNOG-Prozess

Im Pharma Trend 2014 wurden 9 Arzneimittel von den Ärzten mit dem Award „das innovativste Produkt“ ausgezeichnet. Eines davon war Tresiba, ausgezeichnet von den Diabetologen. Den Award hatte vor einem Jahr die Geschäftsführerin von Novo Nordisk, Krisja Vermeylen hier im Deutschen Museum entgegen genommen.

Nun hat Novo Nordisk nur ein Jahr nach seiner Einführung einen Vertriebsstopp für das innovative Insulin-Präparat angekündigt und wird Tresiba Ende dieses Monats vom Markt nehmen. Mit Unverständnis haben Ärzte und Patienten reagiert. Hauptärgernis für betroffene Patienten: mehrere zehntausend behandelte Diabetiker haben eine Verbesserung ihrer Stoffwechsellage erfahren und müssen jetzt wieder umgestellt werden. Angebliche Ursache ist der fehlende Zusatznutzen gegenüber anderen Mitteln. Dem widersprechen allerdings deutlich die Erfahrungsberichte der Diabetologen. In der Befragung zum Pharma Trend 2014 bestätigten die Diabetologen eindeutig die Therapieerweiterung und die Wirkvorteile, die mit dem Insulin-Präparat Tresiba verbunden sind.

„Das Insulin Tresiba habe im Vergleich zu anderen auf dem Markt befindlichen Insulinen keinen Zusatznutzen und müsse für den Einheitspreis vertrieben werden“, das hatte der gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) der Krankenkassen und Ärzteverwaltung entschieden.

„Die Bewertung des mangelnden Zusatznutzens ginge lediglich von einer Durchschnittsbetrachtung aus und die individuellen Unterschiede würden nicht berücksichtigt“, so war zu lesen.

„Das Präparat stelle eine sinnvolle Erweiterung des Behandlungsspektrums für spezielle Patienten dar“, urteilten die Ärzte. Anstelle von bis zu drei Injektionen täglich mit herkömmlichen Basalinsulinen ist bei vielen Diabetikern nur eine Injektion täglich ausreichend.

Für die betroffenen Patienten ist dies ein Gewinn an Lebensqualität. Für manche ist das nur ein „weicher“ Faktor, der mit „harten“ Zahlen nicht so einfach zu belegen ist. Vielleicht hätte die Beurteilung des G-BA zu einem anderen Ergebnis geführt, wenn neben den „harten“ Daten aus klinischen Studien auch die Erfahrungen der Behandler aus der Pharma Trend Erhebung berücksichtigt worden wären.

Die Marktrücknahme von innovativen Medikamenten ist kein Einzelfall. So wurde im vergangenen Jahr Betmiga von den Urologen ebenfalls als das innovativste Produkt ausgezeichnet. Auch hier hat sich der Hersteller Astellas entschlossen, das Arzneimittel aus dem Verkehr zu nehmen, nachdem keine Einigung mit dem G-BA erzielt wurde.

Die Bewertung des G-BA erfolgt im Vergleich zu der zweckmäßigen Vergleichstherapie. Das mag ja noch angehen. Bedenklich ist, dass die Preisfindung sich an Generika orientiert, die seit vielen Jahren eingeführt oft unter Grenzkosten der Produktion in den Markt gebracht werden. Mit einem solchen Vorgehen verhindert man die Entwicklung der noch jungen Arzneimittel im Markt und die Möglichkeit, dass der Zusatznutzen durch weitere klinische Studien belegt werden kann. Die Feststellung des G-BA, dass sich 1 Jahr nach der Einführung für ein bestimmtes Arzneimittel kein Zusatznutzen feststellen lässt bedeutet nicht, dass dieses Arzneimittel keinen Zusatznutzen hat. Es bedeutet lediglich, dass dieser z. B. in Subgruppen oder in der Langzeitbeobachtung noch nicht belegt ist. Grundsätzlich ist nicht ausgeschlossen, dass die jeweiligen Arzneimittel einen durch spätere Studien belegten Zusatznutzen haben werden.

Benchmark-Studie Pharma Trend

Seit 16 Jahren wird der Pharma Trend in Deutschland erhoben. In den ersten Jahren standen der Award „die Goldene Tablette“ und damit die Auszeichnung von innovativen Pharmazeutischen Unternehmen im Vordergrund. Wenig später kam der Award „Das innovativste Produkt“ hinzu. Aber der Pharma Trend ist mehr als nur eine Befragung zur Ermittlung von Awards. Er liefert in der Standard-Version vor allem Antworten für viele im Business relevante Fragen. So erhalten die den Pharma Trend beziehenden Pharmaunternehmen im Benchmark mit ihren relevanten Wettbewerbern Antworten zu den verschiedensten Fragestellungen. Das ist zum Beispiel die Qualität der Wissensvermittlung über Mitarbeiter im Außendienst, über Vorträge oder Produkt- und Preisinformationen und über Kongresse und Fortbildungsveranstaltungen. Auch wird zur Qualität der Produkte, zur Breite der angebotenen Produktpallette und zum Preis- Leistung Verhältnisses der Produkte befragt. Zudem wird für Neueinführungen insbesondere der Fortschritt dieser neuen Medikamente in Bezug auf Wirksamkeit und Verträglichkeit abgefragt.

Und bei der Beurteilung von Innovation und Nachhaltigkeit von Pharmaunternehmen wird nach den Gründen gefragt, die zur Vergabe des Awards „die Goldene Tablette“ geführt hat. Im Pharma Trend 2015 wird deutlich, wie die Ärzte die Aspekte für Nachhaltigkeit und Innovation der Pharmaunternehmen bewerten. Dabei fällt auf, dass die Ärzte bei den Gewinnern der Goldenen Tablette die Leistungen in Forschung und Entwicklung durchweg hoch bewerten, wie auch die transparente Information der Unternehmen. Deutlich wird zudem auch, dass die Ärzte bei den ausgezeichneten Unternehmen die konsequente Ablehnung von Korruption hoch einschätzen.

Internationalisierung

Mit dem Auftrag zur Marktforschung wird die Erhebung von Innovation und Nachhaltigkeit innerhalb einer jeweiligen Facharztgruppe sichergestellt. Ein Preisgewinn ist damit nicht verbunden.

Die Entscheidung eines Pharmaunternehmens zum Bezug des Pharma Trends in einzelnen Facharztgruppen ist für die Preisverleihung wie heute Abend die entscheidende Voraussetzung. Ohne Auftrag für die Marktforschung – keine Auszeichnung von Innovation und Nachhaltigkeit und folglich auch keine Preisverleihung.

Die Pharmaindustrie agiert global. Insofern schickt sich der Pharma Trend an,  zu internationalisieren. Das kann aber nur mit dem Interesse und der Beauftragung der Marktforschung durch die Pharmazeutische Industrie gehen. Schließlich gilt es, die Durchführung der Marktforschung zu finanzieren. Wenn heute 900 Ärzte in Deutschland diejenigen sind, die Innovation und Nachhaltigkeit von Pharmaunternehmen bewerten, dann sind es bei einer europäischen Studie in den Big 5 etwa 4.000 Ärzte. Um bei meiner eingangs vorgestellten Rechnung zu bleiben käme dies einer Beurteilung von Arzneimitteln im Einsatz bei 80.000 Patienten gleich.

Auch in der Europa-Studie werden die Anwender – die Ärzte – den Nutzen von Arzneimittel im Vergleich zur bisherigen Therapie bewerten. Dann mutet es schon sehr befremdlich an, wenn in diesen Ländern innovative Arzneimittel zur Verfügung stehen und in Deutschland auf Grund der gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Festlegung der Arzneimittelpreise einerseits und den daraus bei den Herstellern resultierenden Zwängen andererseits,   innovative, nutzenbringende Arzneimittel den Patienten in Deutschland vorenthalten werden.

Es ist schon befremdlich. Da sehen sich Hersteller aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland,  einem Land mit der stärksten Wirtschaftskraft in Europa, veranlasst, innovative Arzneimittel aus dem Handel zu nehmen, während diese in anderen Ländern Europas mit einer weitaus geringeren Wirtschaftskraft erhältlich sind.

Heute kostet die Entwicklung von Arzneimitteln zwischen 700 und 800 Mio. Euro. In den achtziger Jahren waren dies gerade mal 100. Mio. DM. Die Entwicklungskosten sind über diese 30 Jahre um das 15 zehnfache angestiegen. Gleichzeitig hat sich der Zeitraum nach Einführung bis zum Patentablauf verkürzt. Es steht damit den Pharmaunternehmen weniger Zeit zur Verfügung, die anfänglichen Investitionskosten zurück zu bekommen. Wenn wir die Pharmazeutische Industrie als wichtigen Leistungserbringer für Deutschland erhalten wollen, ist dies durch die Politik und die Änderung der derzeitigen Rahmenbedingungen sicher zu stellen. Konkret bedeutet das, dass nach der Nutzenbewertung von Arzneimitteln im Vergleich zur zweckmäßigen Vergleichstherapie die Arzneimittelpreise nicht über den Preis von Generika festgelegt werden.

Und es bedeutet, dass im Prozess der Nutzenbewertung von Arzneimitteln neben den „harten“ Daten der klinischen Studien auch die „weichen“ Daten zu den Erfahrungen der Behandler berücksichtigt werden. Der Pharma Trend könnte hierzu die Datenbasis liefern.

27 Finalisten in 8 Fachgebieten haben in diesem Jahr die Chance auf die Auszeichnung mit der „Goldenen Tablette“. 19 Arzneimittel haben sich als Finalist für die Auszeichnung „das innovativste Produkt“ platziert. Das belegt eindeutig die Innovationskraft der pharmazeutischen Industrie und ihr Engagement um Nachhaltigkeit.

Erleben Sie heute Abend die Gewinner für Innovation und Nachhaltigkeit. Ich wünsche Ihnen eine besondere Preisverleihung und darf Ihnen jetzt den Festredner des heutigen Abends ankündigen.